Unterschächen UR Beinhaus

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Der Stolz
Beschreibung

Die sieben Totsünden. Die Ausstattung des Beinhauses überrascht durch ihr vielschichtiges ikonografisches Programm. Es befasst sich im Chorbereich mit Sterben, Gericht, Himmel und Hölle, neben der Eingangstüre mit dem Fegfeuer und an den Längswänden mit der gegenseitigen Hilfe der Lebenden und der Toten. Leiden und Tod sind die Folgen des Ungehorsams des Urelternpaares im Paradies, Fegfeuer- und Höllenqualen die Strafe für die persönlichen Sünden. Diese sind in Unterschächen durch die Personifizierungen der Sieben Hauptsünden (Todsünden) verkörpert, die von Todesgestalten bedrängt werden. Jene Vergehen, die im Paradies ihren Ursprung hatten, zieren die beiden ovalen Deckenspiegel im Schiff. Der Stolz tritt als schöne Frau mit den Attributen Spiegel und Pfau auf, der Neid als hagere alte Frau mit nacktem Oberkörper, hängenden Brüsten und Schlangen im Haar. Die dreieckigen Zwickel über den Fenstern zeigen rechts die Sünden des Fleisches, nämlich die Wollust als verführerische Frau mit nacktem Oberkörper und den Attributen Vogel und Ziegenbock und die Völlerei als Frau in vernachlässigter Kleidung mit erhobenem Glas, Schinkenkeule und Schwein. Die Zwickel der linken Seite widmen sich männlichen Sündenpersonifikationen. Die Habsucht, der Geiz, ist ein alter Mann, der einen Geldsack an sich presst, der Zorn ein wild angreifender Krieger mit Löwe. Die siebte Todsünde, die Trägheit, ist in einem ovalen Spiegel an der Giebelseite über der Eingangstüre als in sich gekehrte, eher massige  Frau dargestellt. Sie sitzt auf einem Esel, der sich müde niedergelegt hat. Als Vorlage dienten Stiche von Jacques Callot (1592-1635), doch werden dessen Teufelsgestalten durch Gerippe ersetzt.

Lage

Beinhaus neben der Pfarrkirche von Unterschächen.

Gemeinde
Unterschächen
Kanton
Uri

Datierung

um 1701 (Weihe des Beinhauses, Datum auf den Glasgemälden). Wiederentdeckung der Malereien im Innern und Restaurierung 1977.

Künstler

Signatur unvollständig, evt. Lukas Wiestner (Wüestner), nachgewiesen in Uri 1666-1719.

Auftraggeber

Pfarrer Karl Josef Arnold (1657-1736), der als ehemaliger Jesuitenschüler auch das Konzept ausgearbeitet hatte.

Restaurierungen

1977

Beschaffenheit

Fresko.

Masse

ovale Gemälde an der Decke und an der Giebelseite: ca. 86 x 100 cm. Gemälde in den Zwickeln über den Fenstern: ca 130 x 125 cm.

Inschriften

Unter jeder Sündenpersonifikation steht ein zweizeiliger, sich reimender Spruch, der das Vergehen und seine Folgen beschreibt. Nicht alle Texte sind vollständig erhalten, jedoch gut verständlich in ihren Aussagen. Zwei Inschriften enthalten Quellenangaben aus der Bibel. Bei den Personifikationen von Wollust, Völlerei, Zorn und Trägheit spricht nur der Tod in befehlendem oder drohendem Ton. Beim Neid und beim Geiz antworten die Bedrohten und flehen um Schonung. Die Inschrift unter dem Stolz, der ältesten Sünde, aus der alle andern Sünden emporwachsen, ist allgemein gehalten: Gott wird die Macht des Stolzen gewaltsam brechen.

Bemerkungen

Das Beinhaus ist frei zugänglich.

Literatur

Marion Sauter, Die Kunstdenkmäler des Kantons Uri, Bd. 3, Schächental und unteres Reusstal, Bern 2017, S. 248-252, Abb.

Regula Odermatt-Bürgi: „Ein Schauwespihl bist der Eitelkeit...“. Die Ikonografie des Beinhauses von Unterschächen und die barocken Jenseitsvorstellungen, Altdorf 2002, S. 92-108, Abb. (Hist. Neujahrsblatt / Historischer Verein Uri, 2000/2001, NF Bd. 55/56). Abb.

Regula Odermatt-Bürgi: Der Tod und die sieben Todsünden von Unterschächen, in: Totentanzforschungen, Referate vom internationalen Kongress in Luzern 1996. S. 10-22, Abb.

Tanz der Toten – Totentanz. Der monumentale Totentanz im deutschsprachigen Raum. (Ausstellung des Museums für Sepulkralkultur Kassel; Idee und Konzeption: Reiner Sörries). Detellbach 1998, S. 237-240, Abb.

Wehrens, Hans Georg: Der Totentanz im alemannischen Sprachraum. „Muos ich doch dran – und weis nit wan“. Regensburg 2012, S. 222-226, Abb.

Bilder

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Die Trägheit
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Die Völlerei und der Neid
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Die Wollust und der Stolz
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Der Zorn und der Neid
Bildnachweis

Regula Odermatt-Bürgi 2018.

Erfassung

Regula Odermatt-Bürgi 2018.