Oberägeri ZG Speculum Rationis

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Beinhaus
Beschreibung

Vor uns haben wir eine Meditationstafel. Es ist ein Aufruf zum heilsamen Wirken, zur Selbsterforschung, zur Selbsterkenntnis, um das ewige Leben zu erlangen.      Von der Form her entspricht sie dem mittelalterlichen ovalen Rundspiegel mit bebildertem Rahmen, obwohl die Tafel erst im 17. Jahrhundert entstanden ist. Eine klar strukturierte Aufteilung von links nach rechts und von unten nach oben zeichnet dieses Gemälde aus.    Das Mitteloval wird von acht Feldern umschlossen, wobei in der Diagonale vier Engel mit Ermahnungen auf Schriftbändern stehen.                                                                                           

Als Überschrift steht «Speculum rationis» (Spiegel der Vernunft). Sie weist uns auf den richtigen Weg hin, den der Mensch in dieser Welt als Abbild und Spiegel des Göttlichen zu gehen hat. Leitspruch: «Vernünftig ist, wer so lebt, dass er in Ewigkeit leben wird». Ein Hauptziel der «Speculum»-Literatur ist der moralisierende und erzieherische Aspekt.                                                                                                                                             

Das Bild in der Mitte links zeigt das irdische Leben (Vita Mundi). In freier Landschaft sitzen fünf Männer an der mit Speis und Trank gedeckten Tafel gemütlich beisammen und pflegen das genüssliche, aber auch sündhafte Leben. Im Hintergrund wird durch vier Männer, anhand ihrer Attribute - Arbeit, Meditation, Gebet ersichtlich, das tugendhafte, gottgefällige Leben dargestellt.                                                                                                                                    

Rechts, gegenüber der Vita Mundi erkennen wir das Gericht (Extremú Judiciú). Umgeben von zwei Engeln sitzt Jesus als Weltenrichter, aus dessen Munde Schwert und Palme aus-gehen, d.h. von dessen Aussage Himmel und Hölle abhängen. Erzengel Michael mit der Seelenwaage schwebt über den Toten, links stehen betend die Seligen, stellvertretend eine Person in rotem Überwurf, und rechts öffnet sich der Höllenrachen. Hier entscheidet sich, ob der Tote seine Gesinnung noch ändert und im Fegefeuer verbleibt oder aber in der Hölle landet.                                                                                                                                               

Das Bild unten weist auf die Hölle (Aeterna Damnatio) und auf das Fegefeuer (Purgatorium) hin. Im aufgerissenen Höllenrachen büssen die Verstorbenen für ihr sündiges Leben und von einer Mauer umgeben warten die Toten im Fegefeuer auf die Erlösung von ihrer zeitlich beschränkten Strafe.

Die beiden Engel im Bereich des Todes sprechen eine klare Drohung aus: links: «Bedenke, woraus dein Körper beschaffen ist, bedenke die ewigen Strafen der Hölle», und rechts: «Bedenke, dass du im Tod dem gerechten Richter Rechenschaft ablegen musst». 

Zuoberst, der Hölle gegenüber, erkennen wir den Himmel (Aeterna Felicitas) und die Drei-faltigkeit, die von zwei anbetenden Engeln auf Wolken umgeben ist. Links unten kniet Maria, die Fürbitterin der Menschen. In der Mitte überstrahlt, beschützt und zugleich beherrscht die Dreifaltigkeit die Weltkugel. Die beiden Engel im Bereich des Himmels mahnen den Men-schen mit ihren Aufrufen, zugleich bezugnehmend auf das Mitteloval, links: «Gedenke der Wohltaten Gottes und achte darauf, dass du nicht mit Undankbarkeit Gott beleidigst», rechts: «Bedenke, zu welchem Ende du geschaffen bist, halte die Gebote».                                               

Im Mitteloval, eigentlich die Spiegelfläche, steigt links eine Brücke (Holztreppe) ohne Geländer auf und senkt sich rechts wieder runter, sie verbindet Wirklichkeit und Tod. Links versucht der Teufel in Bocksgestalt den Pilger mit gefalteten Händen, einem braunen Überwurf und dem Pilgerstab ins sündhafte Leben zurückzureissen, auf das der Pilger verzichtet hat. Er betet: «Du weisst alles, Herr, aber erbarme dich, dein Wille geschehe».   Auf der rechten Seite kommt ihm unentrinnbar der Tod in flatternden Gewändern mit Pfeil und Bogen entgegen. Über seinem Schädel schwebt der Spruch: «Der Tod kann nicht besiegt werden». Darüber hängt eine Räderuhr, Symbol der Vergänglichkeit, der Wachsamkeit, jederzeit bereit zu sein, vor das Antlitz Gottes zu treten. Gewiss ist der Tod, doch ungewiss, wann er letztlich zuschlägt. In der Mitte zwischen Pilger und Tod stehen auf einer Säule zwei Steintafeln mit dem folgenden Gebot: «Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst». Bestärkt wird die Aussage noch durch Christus am Kreuz und durch einen Engel, der mahnend darauf hinweist. Unter der Brücke liegt ein toter Mensch, getroffen von einem Pfeil. Nackt tritt er vor das Gericht, weder Rang noch Geburt schützen ihn. Vergänglich wie die drei Schädel wird auch sein Schicksal sein. «Was ihr seid, das waren wir; was wir sind, das werdet ihr», Erinnerung an die Legende der drei Lebenden und der drei Toten.                                       

Den Abschluss unten bilden links das Portrait des Stifters, «im Alter von 56 Jahren», rechts sein Wappen, drei Schilde in Rot, und in der Mitte das Band mit der Stifterinschrift: «Der ehr-würdige Johannes Iten, ein Zuger aus Ägeri, Leutpriester in Sarmenstorf, Aargau, liess aus eigenem Vermögen diesen Altar errichten, 1677».                                                                       

So vielfältig das Geschehen auf dieser Tafel ist, so vielfältig sind auch die bunten Farben, die der Künstler verwendet hat. Noch heute leuchten die Farben wie zu Beginn der Entstehung.

Lage

Oberägeri, Kanton Zug. Neben der katholischen Kirche St. Peter und Paul, auf der Nordseite, befindet sich das Beinhaus. Im Innern an der linken Seitenwand hängt die Tafel.

Gemeinde
Oberägeri
Kanton
ZG

Datierung

1677

Künstler

unbekannt. Als Vorlage diente voraussichtlich ein sogenannter Einblattdruck in der Technik des Holzschnittes, ausgeführt um 1488                                                                            

Auftraggeber

Johannes Iten (1621*) von Ägeri, Leutpriester in Sarmenstorf

Restaurierungen

keine bekannt

Beschaffenheit

Beschaffenheit: Leinwand auf Holz. Vermutlich handelt es sich um das ehemalige Altarbild, wobei leider der restliche Aufbau nicht mehr erhalten ist.

Materialien

Masse

Masse: 112 x 86 cm

Inschriften

Inschriften: Auf verschiedenen Spruchbändern wird in lateinischer Sprache dem Betrachter nahegelegt, so zu leben, dass er das ewige Leben erlangen kann.

Bemerkungen

Oberägeri liegt am alten Wallfahrtsort nach Einsiedeln. Machten die Pilger im Beinhaus Rast, um vor der Tafel über den Zusammenhang ihrer Pilgerfahrt mit ihrem eigenen Leben nachzudenken? Eingeweiht wurde das Beinhaus im Jahre 1496. Im Kanton Zug weist es den grössten spätgotischen Freskenzyklus auf, entstanden Ende 15., anfangs          16. Jahrhunderts. An der unbemalten Nordwand stand der «Totenkratten» mit den                Gebeinen vom Friedhof, der aber 1865 entfernt wurde.

Literatur

- Gellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hg.), Kunstführer durch die Schweiz, Oberägeri, Pfarrkirche, Beinhaus, Pfrundhaus, Bern 1992, S. 22 - 27.

- Gellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hg.), Kunstführer durch die Schweiz, Bern 1975, 6. Auflage, S. 739 - 740.

- Odermatt Regula, Unterwegs: Religion in Kunst und Brauchtum, Zuger Kunstgesellschaft, Zug 1984, 6 S.

https://regula-odermatt-buergi.ch/wp-content/uploads/2023/04/1984/Speculum-rationis.pdf

- Eine gute Zusammenfassung des Gemäldes ist als Video zu sehen in

www.kulturpunkte-zug.ch, unter Beinhaus Oberägeri.

Bilder

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Spiegel der Vernunft
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Geselluges irdisches Leben
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Pilger und Tod
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Jüngstes Gericht
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Fegefeuer und Hölle
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Himmel und Dreifaltigkeit
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Stifter Inschrift

Erfassung

Walter Matti